Ein Fallbeispiel


Es war nicht nur der Nachname, der die Geschwister Yvonne (9), Jonas (6) und Michaela (5)

in der Öffentlichkeit verband. Immer wieder fielen die drei durch Besorgnis erregendes Verhalten auf, sodass ihre Kindergarten-Erzieher und eine Kindertherapeutin das Jugendamt einschalteten. Der Verdacht auf familiäre Gewalterfahrung lag nahe – auch wenn noch niemand ahnte, in welch furchtbarem Ausmaß er sich bewahrheiten sollte.

Das Jugendamt überwies die Geschwister an KiD. Yvonne, ein hageres, scheues Kind mit großen Augen, dem man bei jeder Regung seine schweren Angstzustände ansehen konnte. Nur über ihr Kuscheltier war Yvonne überhaupt ansprechbar. Jonas, der von Aggressionen und Zerstörungswut gehetzte kleine Junge, der seine Nöte nur durch stereotypes Öffnen und Schließen von Türen auszudrücken wusste. Und schließlich Michaela, ein niedliches kleines Mädchen, das von einer Minute auf die andere mit vereistem Blick urplötzlich in eine Art Trancezustand verfiel.

Den Hintergründen auf der Spur

Alle drei Kinder wiesen manifeste Abwehrstrategien auf, die es nach und nach aufzuarbeiten galt, beginnend mit der Geschichte der Mutter. Diese war in lieblosen Verhältnissen in der ehemaligen DDR aufgewachsen und hatte die Heimat nach dem Mauerfall fluchtartig verlassen. Und das Schicksal schien es tatsächlich in Süddeutschland gut mit ihr zu meinen: Sie lernte einen Handwerker aus gutbürgerlichen Verhältnissen kennen, heiratete ihn und brachte Yvonne, Jonas und Michaela zur Welt.


Doch das Glück war leider nicht von langer Dauer. Mehr und mehr wurde deutlich, dass das familiäre Engagement des Vaters sich auf den Broterwerb beschränkte. Von so viel Kälte an die eigene trostlose Kindheit erinnert, wählte die Mutter eine neue Bekanntschaft als Retter. Von seiner männlichen und drahtigen Art erwartete sie für sich und ihre Kinder Schutz und Geborgenheit.

Doch was sie bekamen, war ein Tyrann. Mit militärischem Drill und unberechenbaren sadistischen Anfällen machte der Stiefvater, der mehrere Jahre in einer Fremdenlegion war, das Leben der Kinder zur Hölle. Um ihrer eigenen Überforderung Herr zu werden, nahm auch die Mutter diese „Erziehungsmethoden“ allmählich an und begann, die grausamen Kindes-Misshandlungen ihres neuen Partners zu ignorieren.

Nähe braucht Zeit

Es war nicht verwunderlich, dass ein Herankommen an Yvonne, Jonas und Michaela in der Psychodiagnostik kaum möglich war. Es dauerte eine ganze Weile, bis das ganze schreckliche


 

Ausmaß der seelischen Verletzung ans Licht kam. Zögerlich berichtete Yvonne von der Wucht und der Unberechen-barkeit der sadistischen Ausbrüche ihres Stiefvaters. Sexuellen Missbrauch verneinte sie stets und zeigte sich hierbei tief beschämt.

Andere Probleme plagten Jonas. Hinter jeder Zuneigungsbekundung witterte er eine Falle. So dauerte es sehr lange, bis er sich dem KiD-Team öffnete und sich mit Themen wie seiner Sündenbock-Funktion in der Familie überhaupt auseinandersetzen konnte.

Ganz anders verhielt sich Michaela. Ihre Distanzlosigkeit und die Bereitschaft, Zuwendungen anzunehmen, standen unter dem Motto „Überall wird es besser sein als da, wo ich herkomme“. Dieses Flucht- und Anpassungsverhalten war alles andere als unproblematisch. Allerdings war es auch die Kleinste, die es schaffte, ausführlich Auskunft über das Ausmaß der Misshandlungen zu geben und von den vielen den Alltag bestimmenden sexuellen Missbrauchserlebnissen, die alle Kinder betrafen, zu sprechen. Auf beklemmende Weise beschrieb sie, begleitet von hohen Ekelaffekten, das für sie Schlimmste, den oralen Missbrauch. Differenzierend gab sie an, dass sie am häufigsten missbraucht worden sei, des Öfteren jedoch auch ihre ältere Schwester, manchmal auch ihr Bruder.

Gleichzeitig erklärte sie, dass sie zwar ihre Mutter vermisse, aber nicht mehr bei ihr leben wolle, da ihre Mutter nicht auf sie aufpassen könne.




KiD gab Perspektiven

Im Verlauf ihres Aufenthalts und im Rahmen von Diagnostik und Therapie wurde immer deutlicher, dass alle drei Kinder bei KiD tiefe Entlastung spürten, dass sie sich dort beschützt und geborgen fühlten. Die Aussicht, ein neues Zuhause zu finden, löste bei allen drei Kindern neue Entwicklungskräfte aus. Im Abschlussbericht empfahl KiD, die Geschwister gemeinsam bei einer Fachpflegefamilie in Süddeutschland, nahe der bisherigen Heimat, unterzubringen. Der leibliche Vater, der im Verlauf der Therapie seine Verantwortung für die Kinder neu entdeckte, hat dort Gelegenheit zu häufigen Besuchskontakten. Die Mutter – gerade im Trennungsprozess mit dem Schädiger der Kinder – beabsichtigt ebenfalls, Kontakt zu den Kindern zu halten.

Das Jugendamt ist den Empfehlungen von KiD gefolgt.